Kreativität ist mehr als ein Geschäftsmodell
  Wiener Konferenz zu "IKT und Kreativität" hatte lebendige Debatte
 
 
  3. Juni 2005. Die österreichische Regierung war Gastgeberin einer thematischen WSIS-Konferenz zu "IKT und Kreativität", die heute zuende ging. Obwohl die Organisatoren mehr Unternehmensvertreter als zivilgesellschaftliche Aktivsten und wirklich kreative Köpfe eingeladen hatten, hat der Entwurf der "Wiener Schlussfolgerungen" eine interessante Diskussion über Konzepte wie "Inhalte" oder "Kreativität" angestoßen. Die österreichische Zivilgesellschaft hat unterdessen ihre eigene "Wiener Erklärung" zur Informationsfreiheit erstellt.

Die Suche nach Geschäftsmodellen für die Anbieter von Inhalten

Zuerst sah es aus wie ein Versuch der großen privatwirtschaftlichen Akteure, die Diskussion im Rahmen des WSIS an sich zu reißen. Eine von der Österreichischen Regierung gesponserte Tagung, welche das Thema der "Informationsökonomie" als einen Hauptbestandteil der WSIS Diskussion aufbauen wollte; eine Konferenz, die von Firmen wie Telekom Österreich, Microsoft und Cisco gemeinschaftlich unterstützt wurde; und eine vorläufige Konferenz-Abschlusserklärung, die voll von Formulierungen wie "Qualitäts-Inhalte", "Rechte der Schöpfer" oder die "Illusion von freier Information und freiem Kommunikationsraum" war. Es sah stark nach einer verzweifelten Industrie aus, die ihre Felle davon schwimmen sieht und nun um Hilfe bei offiziellen Stellen ersucht. Sagte gerade jemand "Musikindustrie"? Tatsächlich wurden "Wikis", "Blogs" oder "Podcastings" als wirklich interessante aktuelle Entwicklungen zur Erstellung von Inhalten durch den kreativen Einsatz von ICTs in keiner Weise erwähnt. Und es gab keinen Hinweis darauf, dass es noch andere als ökonomische Anreize dafür geben könnte, kreativ zu sein und seine Ideen und Ansichten mit dem Rest der Welt zu teilen.

Die ersten Präsentationen und Diskussionen deuteten ebenfalls in diese Richtung. Der Workshop zu  "eBroadcasting and eMonopolisation: Creative Diversity in Mainstream Cultural Industries" wirkte wie ein Branchenseminar darüber, wie man als althergebrachter Kommunikationskanal der Massenmedien in einer veränderten Umgebung überleben könnte. Bezahlfernsehen, mobile Anwendungen und eine Zuschauer bzw. -hörerschaft, die dem jeweiligen Fernseh- oder Radiosender vertraut, gehörten zu den weitergegebenen Empfehlungen. Doch wer genau hinhörte, konnte die Risse in diesem alten System hören, und das Knacken wurde lauter und lauter während der beiden Tage. Wenn der Vertreter der größten österreichischen Rundfunkanstalt ORF erklärt, dass die Verbraucher nicht mehr bereit seien, den Massenmedien zuzuhören, dann wird im Ansatz ein Verständnis der Situation deutlich. Ebenfalls gab es Gespräche darüber, wie die klassischen Massenmedien mit der Beteiligung des Publikums verbunden werden könnten, und dass ein solches neues Modell auf der Ko-Produktion von Inhalten durch Zuhörern und Gemeinschaften basieren müssen wird, anstatt auf der bisherigen exklusiven Rolle von Journalisten und Talkshow-Moderatoren.

Gibt es so etwas wie "Qualitäts-Inhalte" oder eine "inhaltliche Kluft"?

"Informations- und Kommunikationstechnologie + Kreativität = Inhalte". Dies war das Motto der Konferenz, und die "Wiener Schlussfolgerungen" verwenden diese Formel ebenso in ihren Untertiteln. Doch das Denken in solchen mathematischen Metaphern hat seine Grenzen. Nii Narku Quaynor von Network Computer Systems Ltd in Ghana hatte die Lacher auf seiner Seite, als er in der abschließenden Plenumsversammlung fragte: "Sind Inhalte minus Kreativität gleich Informations- und Kommunikationstechnologie?" Die Teilnehmer des Workshops "eCulture, Creative Content and DigiArts" - nebenbei der einzige, der den Begriff 'Kunst' im Titel trug - gaben ebenfalls ihrer Kritik an dem generellen Ansatz der Konferenz Ausdruck. So erklärte Gerfried Stocker vom Ars Electronica Center, dass die Vorstellung, "Qualitäts-Inhalte" wären gleichzusetzen mit wirtschaftlichem Wert, zu ökonomistisch gedacht und einfach falsch sei.

Und was sollen "Qualitäts-Inhalte" überhaupt sein? Wenn man an Musik und Wien denkt, ist dies dann auf Mozart beschränkt oder ist die Musik der Techno-Punks ebenfalls als "Qualität" einzuordnen? Ronny Coven von der zivilgesellschaftlichen WSIS-Arbeitsgruppe zu Medien bat ebenfalls darum, den Begriff der "Qualitäts-Inhalte" zu spezifizieren, um sicherzustellen, dass er nicht mit der Redefreiheit kollidiert. Man solle "im Gedanken an das WSIS-Gastgeberland Tunesien alle möglichen Worst-Case-Szenarien im Blick haben", ergänzte er.

Das Konzept der "inhaltlichen Kluft" und der "Inhaltsarmut" ist ebenso in Frage zu stellen. Teilnehmer aus Afrika und von anderswo bestanden wiederholt darauf, dass Menschen ohne Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologie nicht "inhaltsarm" wären. Statt dessen hätten sie eine sehr reiche und lebhafte mündliche und schriftliche Kultur. Nebenbei gesagt: Die besten Romane stammen immer noch aus der Zeit, als es noch kein Internet und oft noch nicht einmal Schreibmaschinen gab.

Inhalte ohne Behälter

John Perry Barlow von der Electronic Frontier Foundation und andere machten deutlich, dass es neben einem Geschäftsmodell viele andere Gründe gibt, sich kreativ zu betätigen. Barlow sagte: "Wenn ich an einer Konferenz über geistiges Eigentum teilnehme, bin ich normalerweise der einzige, der jemals etwas Kreatives geschaffen hat. Man trifft dort nur Anwälte, die versuchen einem zu erzählen, dass Leute dann kreativ werden, wenn sie Geld wollen." Barlow war früher Songschreiber für die Gruppe "Grateful Dead" und tat dies damals nicht um der Tantiemen willen. Die Band wurde sogar berühmt dafür, Bootleggern auf Konzerten die besten Plätze für ihre privaten Mitschnitte frei zu halten. "Wir wissen nicht viel darüber, warum Menschen etwas erschaffen und kreativ werden", war Barlows Schlussfolgerung. Verteilte gemeinschaftliche Produktionen wie die Wikipedia zeigen jedoch, dass es zumindest noch andere Anreize als Geld gibt, um hochwertige Inhalte zu erzeugen.

Doch was sind überhaupt "Inhalte"? John Perry Barlow war wieder derjenige, der am Ende die Fäden zusammenführte und aussprach, was viele Teilnehmer dachten. Während der Abschlusssitzung wurde er immer nervöser, bis er schließlich aufsprang und beinahe rief: "Ich ertrage die Verwendung des Begriffes ,Inhalt' für menschliche Ausdrucksformen nicht mehr. Es ist kein Zufall, dass dieser Begriff genau in dem Moment der Geschichte verstärkt benutzt wird, in dem die Behälter von Inhalten immer mehr verschwinden". Weil sich genau dieses Thema während der zwei Tage immer wiederholte, musste auch der Vorsitzende Peter Bruck in der Abschlusssitzung zugeben, dass "der Begriff ,Inhalt' eine Abstraktion von sozialen Beziehungen darstellt, welche durch elektronische Medien verfügbar gemacht wird." Nicht mehr und nicht weniger. Doch stellen sie in jedem Fall einen wichtigen Teil der Online-Welt dar, und die Art und Weise, wie wir unser Denken darüber aufbauen, definiert die Strategien und weiteren Herangehensweisen für die Zukunft.

Die Diskussion über Inhalte das Verschwinden ihrer Behälter war bereits ein guter Hinweis auf die verschiedenen Krisensignale der alten Inhaltsindustrie gewesen, die auf auf physischen Produkten basierte. Die Herausforderung, die nun vor uns liegt, besteht darin - wie die Teilnehmer eines Workshops zustimmten - "eine Ökonomie des Teilens, der Zusammenarbeit und des Servicegedankens zu entwickeln, die zumindest kurzfristig neben der traditionellen Ökonomie der Knappheit, der Kontrolle und der technologischen Restriktionen existieren kann." Obwohl dies für all diejenigen schon altbekannt ist, die bisher die Diskussionen und Stellungnahmen der Zivilgesellschaft im WSIS-Prozess verfolgt haben, ist doch das bemerkenswert Neue daran, dass dieser Satz gemeinsam von Vertretern von Creative Commons Österreich, der Free Software Foundation Europe und Richard Owens, dem Direktor der "Copyright E-Commerce Technologie und Management"-Abteilung bei der WIPO geschrieben und abgesegnet wurde. Es scheint, dass schließlich doch einen Fortschritt festzustellen ist (vollständige Offenlegung: Euer ergebener Diener war verantwortlich für die Erstellung des ersten Entwurfs als Berichterstatter des Workshops)

Zwei Erklärungen aus Wien

An den "Wiener Schlussfolgerungen" wird in den kommenden Tagen noch weiter gearbeitet werden, um auch die Diskussionen und die Ergebnisse der Workshops mit einfließen zu lassen. Das Dokument wird wohl am Ende recht lang werden (ca. 20 Seiten) und es bleibt abzuwarten, ob und wie die unterschiedlichen Meinungen und Ansichten mit eingearbeitet werden können, um am Ende eine zusammenhängende Botschaft zu bilden. Die Schlussfolgerungen werden dann auf dem WSIS-Gipfel in Tunis von der österreichischen Regierung präsentiert und vermutlich schon einige Zeit vorab veröffentlicht werden.

Österreichische zivilgesellschaftliche Gruppen waren in der Zwischenzeit nicht untätig. Ein Team um das jährliche "Chaos Control"-Symposium verfasste ebenfalls einen Entwurf einer Wiener Erklärung, bestehend aus "10 Thesen zur Informationsfreiheit". Diese bringt die Dinge viel deutlicher auf den Punkt und ist um einiges prägnanter und unverblümter als der letzte Entwurf der offiziellen "Wiener Schlussfolgerungen". "Freie Werknutzungen sind eine elementare Bedingung gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fortschritts", um nur ein Beispiel zu nennen. Diese Erklärung wird am 15. Juni veröffentlicht werden und kann bereits jetzt unterzeichnet werden.

Alles in allem zeigte sich das übliche Bild des WSIS-Prozesses: Die Zivilgesellschaft führte vor, was vorstellbar war und sprach die Dinge deutlich aus, während die offizielle Konferenz mit schwammigen Formulierungen und wenig Vision, dafür jedoch mit einer umso breiteren Unterstützergruppe daherkam. Der beste Beitrag der offiziellen Wiener Konferenz wird denn vermutlich auch nicht das Abschlussdokument sein, sondern die Tatsache, dass sie eine lebhafte Debatte um den Übergang von der alten Industrie- zur neuen Informationsgesellschaft entzündet hat - eine Gesellschaft, welche die kreative Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie mit einschließt, dabei jedoch nicht auf Geschäftsmodelle beschränkt ist.


 
 
 
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